Honterusfest
Das traditionelle Treffen der Burzenländer

Impressionen vom Honterusfest 2017

Das Geräusch von prasselnden Regentropfen auf der Zeltplane weckt mich auf. Nicht gut, denke ich, – nein – so war das nicht abgemacht. Wir alle hatten gutes Wetter für dieses 27. Honterusfest bestellt und bereits Tage im Voraus Wetter-Apps studiert. Regen kann an diesem speziellen Sonntag keiner gebrauchen.

Es sollte doch unser Debut werden, das Debut des frischgebackenen „Honterusfest-Orga-Teams“, welches von der langjährigen, erfahrenen Mannschaft die hehre Aufgabe der Festorganisation übernommen hat.
Große Fußstapfen sind das in die wir treten. Sozusagen, kleine Kinderschuhe in die gefühlten 52ger der vierzig Jahre tätigen, professionellen Organisatoren. Entsprechend groß ist die Ehrfurcht und  Nervosität, trotz der langen, intensiven Vorbereitungen durch Orga-Chefs und Team.

Ich höre bereits emsiges Werkeln jenseits der Hecke in der Kommandozentrale unterm Pavillon. Als wir mit Sack und Pack um die Ecke biegen, sehe ich wie jeder hastig ein kleines Frühstück (gern auch die kalte Bratwurst vom Vorabend) mit einem Kaffee herunterspült und die ersten Handgriffe für die Festaktivitäten erledigt.

Unglaublich aber wahr, bereits am Samstag sind erste Übernachtungsgäste eingetroffen und schleichen nun erwartungsvoll im 5m Radius um uns herum. Um halb neun zeigen sich neue Gäste.
Nun aber hurtig Tische und Bänke zum 2ten Mal abgewischt, Schirme aufgespannt, letzte Absprachen mit den Caterern  getroffen und dann, in die leuchtend gelben T-Shirt geschlüpft, Positionen bezogen.

Die ersten Autos rollen an. Ich stehe an der Kasse mit den anderen Mädels, mit einem Auge den Strom der Gäste verfolgend, mit dem anderen meine Kinder, die um uns herum spielen. Sie wissen weder wer Johannes Honterus war, noch kennen sie die Schule, die ich vor 27 Jahren besuchte, aber sie merken, das hier ist für uns Große wichtig. Und während die Autos an uns vorbeiziehen, die Insassen ihre Fenster herunter lassen uns freudig begrüßend, merke ich, ich kenne mehr Honterianer als gedacht.

Heimat, das habe ich früh gelernt, ist kein Ort. Es ist die Summe der Menschen, die man kennt und liebt. Die man schmerzlich vermisst, wenn man von ihnen getrennt wird. Und die Triebfeder die alle hier an diesem regnerischen Sonntag zusammen bringt.

Frau Sindilariu – die wir stolz als erste weibliche Festrednerin vorstellen dürfen, betont in ihrer Ansprache die Rolle der humanistischen Bildung, die die Honterusschule seit ihrer Gründung auszeichnet – ein wichtiges Kernstück siebenbürgischer Identität, das uns alle geprägt hat. Auch durch die schwierigen Zeiten der Diktatur hindurch wurden diese Ideale  an die Schüler weitergegeben, was uns befähigte die Doppelbödigkeit der sehr gegensätzlichen politischen Situation bar jeder Ideologie zu erkennen.

Die Jugendtanzgruppe Ingolstadt/Manching tritt nach der Rede auf. Der kleinste Zwerg ist gerade mal geschätzte Vier und mäandert grinsend in voller Festmontur zwischen den anderen Kindern, die ihre Sache hervorragend machen, umher. Großer Applaus und Hurra für den Nachwuchs, der hier in der 800 Jahre alten Tracht selbstbewusst auftritt,  als wäre es nichts Besonderes. Ist die Spezies Siebenbürger doch nicht vom Aussterben bedroht?

Die Festwiese bietet ein Bild der Geselligkeit. Überall stehen die Honterianer in großen und kleinen Gruppen oder begrüßen einander stürmisch, ratschen, lachen. Die Gesprächsfetzen sind vertraut. „Na, du weißt schon, die soundso, eine geborene sonstewie, deren Schwester den hmhm geheiratet hat und deren Sohn eine….“. Klang meiner Kindheit, genauso wie die mal harmlosen, mal nicht ganz jugendfreien Witze über den nicht totzukriegenden Bulä.

Das Wetter, das sich ein paar Stunden gnädig gezeigt hat, verliert gegen vier die Lust und begießt unsere Gäste kurz und heftig. Schmeißen jetzt alle das Handtuch und flüchten? Falsch gedacht. Ein stabiler Kern hat sich festgeratscht, trocknet unverdrossen die Bänke in Eigenregie ab und macht weiter.

Müde, aber zufrieden trifft sich die Mannschaft nach dem Abbau gegen sieben wieder in der Kommandozentrale.  Resümee: Knapp 460 Gäste – nicht Besucherrekord, aber für das Wetter ganz passabel. Den demographischen Löwenanteil bestritten die über 60-Jährigen, die Titanen unserer kleinen Gemeinschaft, Kenner der alten Geschichten und aberwitziger Spitznamen, so typisch für diese Generation. Und zum ersten Mal waren wieder mehr Mittvierziger vertreten.

Stellt sich die Frage: Haben wir eine langfristige Perspektive für das Fest? Das Publikum besteht aus finiten Generationen echter Honterianer. Die Kinder meiner Generation werden nicht mehr unter der Statue von Johannes Honterus auf dem Pausenhof spielen.  Werden sie trotzdem in 20 Jahren auf das Honterusfest kommen?
Haben wir eine kurzfristige Perspektive? Ja! Und diese werden wir nutzen, solang es geht und solange es genügend Menschen wichtig ist, sich alle zwei Jahre hier zu treffen.
In diesem Sinne, freuen wir uns euch beim nächsten Mal am gewohnten Ort, zur gewohnten Zeit wieder zu sehen.

Anemone Mamet-Schuster